"Ideen der jungen Leute ernst nehmen – ein mega Win-win"

Andrew Aris, Gründer von „Spirit of Football“

 

Der Erfurter Verein „Spirit of Football“ (SOF) spielt mit Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen Fußball. Jede und jeder kann mitmachen, denn Spirit of Football ist für Weltoffenheit und gegen Ausgrenzung. Beim Spielen erleben die Teilnehmer:innen auch, was Nachhaltigkeit ist. Fairplay mit sich selbst, den anderen und mit der Erde – dieses Konzept hat „Spirit of Football“-Gründer Andrew Aris gemeinsam mit seinem Team und mit RENN.mitte entwickelt. Nun findet es auch Anwendung in Workshops, die „Spirit of Football“ und RENN.mitte gemeinsam mit Berufsschulen, Unternehmen und deren Auszubildenden machen.

Interview

Herr Aris, wie reagieren die Auszubildenden, wenn Sie den Workshop statt im Konferenzraum auf dem Fußballplatz beginnen?

Ich glaube, viele Menschen müssen sich bewegen, um besser denken zu können. Viele haben zunächst etwas Angst, Fußball zu spielen. Aber wir spielen eine andere Art von Fußball, Fairplay-Fußball. Durch die Fairplay-Regeln ist es egal, ob jemand gut spielt oder nicht, alle sind gleich und dürfen mitmachen.

Was bedeutet Fairplay-Fußball?

Es gibt sechs Regeln, eine zentrale ist der Teamgeist. Der unterscheidet uns am meisten von anderen Fußballspielen: Du darfst nicht mit dem Ball dribbeln. Die, die gut im Fußball sind, würden normaler Weise dribbeln, und die Schwächeren würden den Ball kaum bekommen. Die sind dann von Anfang an ausgeschlossen. Bei uns ist es so: Du darfst nicht dribbeln und musst den Ball abgeben, am besten an einen schwächeren Spieler oder eine schwächere Spielerin. Die haben dann Zeit am Ball, keiner darf ihn wegnehmen, alle müssen anderthalb Meter (Corona Regel) Abstand halten. Eine andere Regel ist Fairplay mit Worten – wir wollen Menschen aufbauen statt runtermachen. Wir spielen auch Musik, es wird getanzt auf dem Spielfeld. Durch die Bewegung und die für viele unerwartete Freiheit kommt eine tolle Stimmung auf – das ist ein super Anfang für einen Workshop.

Sie spielen ungefähr eine Stunde mit den Auszubildenden, Ausbilder:innen und Geschäftsführenden – was verändert sich im Laufe dieser Stunde bei den Teilnehmenden?

Sie feiern Tore zusammen. Sie sind nach dieser einen Stunde eine viel stärkere Gemeinschaft als zu Tagesbeginn. Sie sind mehr bereit, ins Gespräch zu kommen und tiefer in die Thematik einzusteigen.

Wie vermitteln Sie Nachhaltigkeit durch Fußball?

Das passiert von Anfang an. Wir haben einen Fußball mit den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen (auf Englisch: Sustainable Development Goals, kurz: SDGs), der von der gemeinnützigen Organisation „Alive and Kicking“ in Nairobi fair und aus recyceltem Leder produziert wurde. Es gibt auf dem Platz eine Kennlernrunde. Jede:r bekommt den Ball einmal zugeworfen und sucht sich ein SDG raus, zu dem er oder sie irgendetwas Persönliches sagen kann, zum Beispiel zum Leben an Land. Einen persönlichen Bezug zu den SDGs herstellen und die Leute zum Denken bewegen, darum geht es.

 

„Wenn Unternehmen und Berufsschulen die Ideen der jungen Leute wirklich ernst nehmen, dann ist das ein mega Win-win für alle.“

 

Weg vom Fußballplatz, zurück in den Konferenzraum – was passiert während der Workshops?

Wir bereiten jeden Workshop gemeinsam mit RENN.mitte vor, dort sitzen die Nachhaltigkeitsexpert:innen. Wir spielen zum Beispiel SDG-Speeddating, wo sich die Teilnehmenden die 17 Ziele gegenseitig erklären. Die Erkenntnis ist immer: Die Ziele hängen alle zusammen. Einige von denen sind vielleicht besonders interessant für mich, meine Schule, mein Unternehmen. Wir wollen, dass die Teilnehmenden am Ende Ideen entwickeln und auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Der Workshop ist vorbei – haben Sie Rückmeldungen, wie er nachwirkt?

Zum Beispiel von der TEAG Thüringer Energie AG – die will Nachhaltigkeit jetzt als Workshops in die Berufsausbildung einbinden. Und die Berufsschüler:innen in mehreren Städten würden Nachhaltigkeit gerne als Fach haben. Das war eine Idee, die Berufsschüler:innen nach einem Workshop in Berlin ihrer Schulleitung vorgestellt haben. Die das auch gut fand, und jetzt versuchen sie gemeinsam, das Thema Nachhaltigkeit an der Schule zu verankern.

Wie kann das Konzept von Spirit zu mehr Nachhaltigkeit in der Berufsausbildung beitragen?

Es motiviert. Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der überall zu sehen, aber nicht greifbar ist. Wir wollen Nachhaltigkeit begreifbar machen und auch den Impuls setzen: Ich kann etwas machen. Oder wir können etwas machen. Ich glaube, die Auszubildenden motiviert es auch, wenn sie ihre Ideen den Geschäftsführungen und Schulleitungen vortragen können. Dann fühlen sie sich viel mehr als Teil des Teams. Wenn Unternehmen und Berufsschulen die Ideen der jungen Leute wirklich ernst nehmen, dann ist das ein mega Win-win für alle.

Sie haben einen Wunsch frei – mit welchem Unternehmen möchten Sie als nächstes Fußball spielen und warum?

Unser Fairplay-Botschafter ist Jürgen Klopp, Trainer beim FC Liverpool. Der Club ist ein großes Unternehmen und wirkt weltweit. Ich würde sehr gerne ein Nachhaltigkeitsprojekt mit Mitarbeitenden aus unterschiedlichsten Bereichen des FC Liverpool machen und konkrete Nachhaltigkeitsideen für den Club entwickeln. Das wollen wir wirklich machen.

Interview: Katja Tamchina

Foto: BUGA

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